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Das geschenkte Lächeln | Das Glück liegt auf der Straße | Durchblick | mehr

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Nun saß er da. In diesem Wartezimmer. Weiß waren die Wände. Und es hingen Bilder da. Vollkommen symmetrisch hingen sie an der Wand. Einige zeigten abstrakte Figuren, die wohl niemand so recht entziffern konnte. Andere zeigten Gebäude oder auch eine Landschaft. Durch das große Fenster fiel das Sonnenlicht auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Erst jetzt fiel auf, dass er vollkommen mit Zeitungen und Zeitschriften vollgepackt war. Sie lagen unsortiert übereinander. Da sah es auf der breiten Fensterbank ordentlicher aus. Ein paar Pflanzen standen darauf und zwischendrin immer mal wieder Infoständer mit kleinen Broschüren und Merkzetteln. Alle möglichen Augenkrankheiten wurden abgehandelt. Besonders häufig der Grüne und der Graue Star. Er saß auf einem der Stühle die rings herum an der Wand standen. Seine Krankenkassenkarte hatte er längst einlesen lassen und seine Jacke hing auch schon am Kleiderständer. Es war voll. Und mittendrin saß er vollkommen versteift und er presste sich an seinen Stuhl. Nein, er hatte keine Angst vor der Ärztin, auch nicht vor den Untersuchungen. Er hatte schließlich eine genaue Vorstellung von dem, was kommen würde. Zunächst würde er an ein Gerät müssen und dort in ein Loch schauen müssen. Dadurch würden sie seine Sehstärke messen. Dann dürfte er nochmals Platz nehmen. Irgendwann dann würde er aufgerufen werden und dann in das Sprechzimmer seiner Augenärztin gehen.

Dort ginge er dann erstmal durch den gesamten Raum, zu dem nicht unbedingt bequemen, schwarzen, ledernen Stuhl auf den er sich setzen muss. Unterwegs zu diesem Stuhl wird ihn die Ärztin noch per Handschlag begrüßen, ihn fragen wie es ihm gehe und zum Platznehmen auffordern.

Nein, bis jetzt war er immer gut weggekommen. Seine Sehstärke war immer in Ordnung gewesen und eine Brille hatte er noch nie gebraucht. Aber genauso gut hatte er bemerkt das irgendwas nicht mehr stimmte. Neulich beim fernsehen, wo er sich ertappt hatte, das er nun schon nur noch halb so weit ab saß als ganz zu Anfang. Dann hatte er probiert sich weiter weg zu setzen aber es nicht geschafft, denn das Bild welches er dann noch wahrnahm kam ihm unscharf vor.

Nicht zuletzt hatte ihn auch seine Mutter ermahnt er solle sich wieder weiter absetzen und als er ihr erklärte, dass dann das Bild unscharf sei, meinte sie er müsse auch mal wieder zum Augenarzt. "Schließlich hast du nur zwei Augen und die müssen noch für den Rest deines Lebens halten!"Den Rest seines Lebens. Wahrlich kein kurzer Zeitraum, denn er war ja gerade erst 12. Und eigentlich hatte sie auch Recht. "Eine Kontrolle kann ja nie schaden und sicher wird wie immer alles in Ordnung sein" - hatte er sich gedacht.

Am nächsten Tag war dann sein bester Freund mit einer Brille in die Schule gekommen. Und alle hatten sie gelacht. Alle anderen - außer er natürlich. "Brillenschlange" hatten sie ihn gerufen. Und "Eine Brille hat dein Scheißgesicht nun schon, wo bleibt der Klodeckel dazu damit wir uns das nich immerzu ansehen müssen!?"

Es kam ihm wieder voll ins Gedächtnis und je mehr er drüber nachdachte desto mulmiger wurde ihm. "Was ist wenn es mir genauso geht!?"

Er wusste ja ganz genau warum Richard, sein bester Freund, eine Brille bekommen hatte. Richard hatte zuvor auch noch nie eine Brille benötigt. Bis dann seine Mutter auf die Idee kam, Richard mal wieder zum Augenarzt zu schicken. Als ihm die Ärztin dann erklärte, dass er nun eine Brille benötigen würde war er zunächst ganz geschockt gewesen. Nachdem er dann jedoch genauer drüber nachgedacht hatte, hatte Richard festgestellt, dass auch er in der letzten Zeit näher am Fernseher saß.

Nun war es soweit, inzwischen, während er so hin und her überlegt hatte und sich alles noch mal durch den Kopf gehen lassen hatte, war schon die Untersuchung an dem Gerät vorbeigegangen. Er hatte sie fast automatisch absolviert. Schließlich kannte er die Prozedur und zu sagen gab es dabei nicht viel. Es wurde ohnehin alles automatisch gemessen. Jetzt konnte er jedoch nicht mehr so abschweifen, denn jetzt kam das Sprechzimmer. Jetzt kam die Ärztin. Schon öffnete er die Tür und eine freundliche Stimme begrüßte ihn von einem Schreibtisch am anderen Raumende."Na, wie geht's dir und was macht die Schule?", das fragte sie immer. "Ach naja geht so und die Schule, naja, ich muss ja leider da hin", antwortete er ebenso wie immer.

Dann war er auch schon am Stuhl angelangt und setzte sich. Die Untersuchung begann. Er musste eine Tafel mit Buchstaben und Zahlen in verschiedener Größe vorlesen und immer wenn die Ärztin das Gefühl hatte er konnte es schlecht erkennen, setzte sie ihm eine provisorische Brille auf und tauschte die Gläser aus. Immer unterschiedliche Stärken und jedesmal fragte sie: "Und, kannst du es damit besser erkennen?".

Er war sich unsicher. Würde er nein sagen war es sein Pech, weil er dann damit klar kommen musste das er weniger scharf sah. Außerdem war sehen ohne Brille - zumindest wenn man eine benötigte - wesentlich anstrengender als mit. Und nicht zuletzt würde es seine Sehkraft weiterhin schwächen, aber soweit dachte er nicht.

Allerdings wenn er ja sagte, würde dies bedeuten, dass er eine Brille bekäme. Und dann seine Klassenkameraden...

Er beschloss nichts weiter zu sagen und einfach vorzulesen, soweit er mit der jeweiligen Stärke kam. Sie fragte auch nicht weiter, ließ ihn lesen und machte sich ihre Notizen.

Dann war die Untersuchung zu ende. Sie drehte sich ihm zu und sagte: "Ja, also, ich glaube wir müssen dir mal ein Brille verschreiben. Ganz ohne wird es nicht gehen. Oder willst du das deine Sehschärfe noch mehr abnimmt?" Er schaute sie an. Sein Gesicht offenbarte Verständnis, Einsicht und Schrecken zugleich. Aber es half alles nichts. Sie drehte sich schon wieder um und begann einen Zettel auszufüllen. Den Zettel würde er mit nach Hause bekommen und damit zum Optiker müssen. Dieser kann aus dem Zahlenwirrwarr, welches nun auf dem Zettel stand, genau ersehen was für eine Stärke die Gläser haben sollten.

Er nahm den Zettel entgegen, sagte monoton "Tschüss" und verließ den Raum. Dann machte er sich auf den Heimweg. Er mochte keine Brille. Was würden wohl die anderen in der Klasse sagen? Vermutlich wieder "Brillenschlange" und Sprüche wie "Eine Brille hat dein Scheißgesicht nun schon, wo bleibt der Klodeckel dazu damit wir uns das nicht immerzu ansehen müssen!?".

Er schämte sich. Vielleicht sollte er den Zettel heimlich verschwinden lassen!? Aber auch das geht nicht. Er weiß aber genau was kommt. Auch wenn sein bester Freund Richard nicht lachen würde und auch keine dummen Sprüche sagen würde. Aber heimlich würde er lachen, wenn er dann nicht mehr zu sehen ist.

Er wusste es genau. Denn, hatte er nicht auch heimlich gekichert, wenn Richard nicht in de Nähe war?....
© 2019 Dennis Giese