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Das geschenkte Lächeln | Das Glück liegt auf der Straße | Durchblick | mehr

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Das geschenkte LächelnInfos


Die Prozedur war jeden Morgen dieselbe. Jedes mal stand er pünktlich auf, nachdem er sich etliche Male im Bett umhergewälzt hatte und der Meinung war, dass er besser aufstehen sollte, um nicht zu spät zu erscheinen.

Danach ging die übliche Prozedur des Waschens und Ankleidens vor sich. Zuerst stürmte er das Bad, anschließend kramte er in seinen Kleiderschränken nach etwas zusammen passendem. Vor allem mit den Socken hatte er Probleme, da sie nie als Paar geordnet, sondern stets lose im Schubfach lagen.

Hatte er dann endlich zwei Strümpfe, die auch noch zueinander gehörten, gefunden, lag zumindest die Hälfte der restlich Socken auf dem Boden verstreut. Allerdings hatte er morgens nie Zeit, sich den Socken anzunehmen und so blieben sie bis in den Nachmittag hinein liegen. Wenn nicht seine Mutter ab und an auf die Idee kam und die Socken zurück in den Schrank stopfte. Gewöhnlich stopfte sie tatsächlich nur und dies auch nur dann, wenn sie irgendwie nicht mehr durchkam. Also blieb es meistens dann doch an ihm kleben.

Gewöhnlich stopfte auch er.... seine Sachen in die Tasche die auf Grund des in ihr herrschenden Chaos niemals wirklich zuging. Hätten ihn die Nachbarn dabei beobachtet, wie er auf der Tasche sitzend versuchte, mit dem linken Arm unter seinem Knie durch und dem rechten Arm über seinem rechten Bein zupfend und zerrend und immer bemüht, den Reißverschluss weiter zuzubekommen, so wären sie aus dem Staunen nicht heraus gekommen und sie hätten ihn für den perfekten Zirkusartisten gehalten!

Andererseits war dies auch eine geschickte Taktik. Wenn er dann nämlich mit seiner vollkommen überladenen Tasche durch die Strassen ging, schaute ihn jeder voller Mitleid an und in der Straßenbahn bot man ihm sofort einen Platz an, obwohl man dies für gewöhnlich nicht mal für alte Leute mit Krückstock tat!

Normalerweise fuhr ich bis zu einer Straßenbahnstation parallel zu seiner Schule verlaufend, stieg dort aus und ging dann durch einen kleinen Park innerhalb von fünf, manchmal auch sieben Minuten - je nach dem, wie viel Zeit er noch hatte und wie sehr er sich beeilte - zur Schule.

Diesen Morgen jedoch verlief es etwas anders als üblich. Natürlich mussten auch heute sämtliche Strümpfe auf etwaige Zusammengehörigkeit überprüft werden. Schließlich fand sich auch ein Paar an, welches er aber erst fand, nachdem der gesamte Kasten entleert war.

Dann nahm er seine ausnahmsweise leere und leichte Schulmappe und ging los. Er war erstaunt darüber, wie leicht so eine Tasche doch war, wenn sie keine schweren Bücher mehr beinhaltete. Zügig kam er voran. Auch seine gebückte Haltung ließ nach, denn es lastete ja nichts mehr auf seinen Schultern. Er hatte das Gefühl, davon zuschweben. Jedenfalls kam er heute so pünktlich an der Haltestelle an, dass er noch drei Minuten warten musste, bis seine Bahn kam. Er stieg mühelos ein und dieses Mal musste er sich auch mit einem Stehplatz begnügen, denn er sah nicht mehr mitleiderregend aus. Andererseits hatte er auch ein kleines Lächeln auf den Lippen. Immerhin war dies sein letzter Schultag!

Er fuhr die gewöhnliche Strecke wie jeden Morgen und schaute etwas verträumt aus dem Fenster. Seine Endhaltestelle verpasste er trotzdem nie, denn er hätte die Strecke im Schlaf abfahren können - so gut kannte er sie bereits. Aber immerhin war er ein und dieselbe Strecke bereits seit zwei ein halb Jahren sozusagen täglich gefahren. Krank war er ja ohnehin selten und die Ferien konnten ihn auch nicht dazu bringen, die Strecke zu verlernen.

Nun musste er nur noch durch den Park zwischen den Hochhäusern und wenn er diesen hinter sich gelassen hatte, würde er schon seine Schule sehen können. Er machte sich also auf den Weg über die Strasse und betrat dann durch eine grün bewachsene Pagode den Park. Zunächst ging es in der Ebene voran, ein kleiner Schotterweg, der, wenn es geregnet hatte, in eine Schlammmasse ausartete, die man nur noch am Rande des Weges passieren konnte ohne sich dreckige Schuhe, nasse Füsse und eine Erkältung zu holen. Heute jedoch war schönes Wetter und so schlenderte er den Weg entlang bis zur Treppe, die auf die kleine Anhebung innerhalb des Parkes führte. Er warf einen Blick nach rechts und sah mehr oder weniger den Teich im Park. Mehr oder weniger deshalb, weil im die Bäume mit ihren grün und dicht belaubten Ästen, die sehr tief hingen, die Sicht nahmen. Dennoch schimmerte etwas blaues durch und ließ ein Gewässer erahnen.

Auf der Treppe bemerkte er wieder wie leicht er sich fühlte und wie ungewöhnlich schnell er voran kam. Es war ihm als wäre die Treppe über Nacht kürzer geworden. Dann endlich hatte er das obere Treppenende erreicht und von nun an ging es bergab.

Nach nur kurzer Zeit bog er auch schon um eine der beiden letzten Ecken die ihn von seiner Schule trennten und sogleich erblickte er auch das fast schon lila verklinkerte Gebäude, welches von weitem eher schwarz aussah.

Als er letztendlich auch noch die Ampel überquert hatte schwenkte er durch das Eingangstor zunächst links und anschließend durch die Eingangstür rechts in das Gebäude ein. Routinemässig las er den Vertretungsplan obwohl ihm natürlich vollkommen klar war, dass es keine Vertretungen mehr geben würde. Es war ja auch nur noch eine Stunde zu absolvieren und dabei ging es nur um die letzten zu erfüllenden Formalitäten. Er ging also den Flur entlang, vorbei an der Aula zu seiner linken und dem Café rechts gegenüber. Die nächste Treppe benutzte er, um ein Stockwerk höher zu gelangen, las nocheinmal die Informationen für die Abiturstufe und begab sich dann in seinen Raum.

Als alle Schüler der Tutorengruppe anwesend waren, ging es dann auch los. Zunächst ein paar allgemeine Worte, dann die Ergebnisse des letzten Semesters und schließlich noch minimale Gespräche wer was wann wo und wie weitermacht nach der Schule. Man verabschiedete sich. Nicht mal eine Schulstunde hatte man benötigt und jetzt gab es nur noch ein Wiedersehen: der Abiball.

Er selbst plauderte noch einen Moment mit dem Lehrer bevor auch er den Klassenraum verließ. Die ungewohnte Stille im Flur erzeugte eine gewisse Angst in ihm. Er versuchte langsam weiterzuschländern obwohl die Angst ihn am liebsten rennen gelassen hätte. Dieselbe Treppe die er vorhin aufwärts benutzt hatte diente ihm nun, um in das Erdgeschoss zurückzukehren. Gerade als er die Schwenktür zum Flur öffnete und ein wenig schwermütig Abschied von diesem Gebäude nahm begegnete ihm eine Lehrerin. Mit ihr hatte er zwar keinen Unterricht, aber er kannte sie. Sie war nett. Sie war witzig. Er schaute sie an. Ein Lächeln kam als Antwort zurück bevor er selbst weiterging in seine Richtung und die Lehrerin in die andere.

Das war es also. Er wanderte den restlichen Flur entlang, passierte die Eingangstür genauso wie das Tor und die Ampel und den Park. Umgeschaut hatte er sich nicht nochmal. Nun war er bereits am Bahnsteig und wartete auf seine Strassenbahn Richtung zu Hause. Die Sonne schien. Auch sie schenkte ihm an diesem Tag ein Lächeln.
© 2019 Dennis Giese