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Zum Kaffee ins CaféInfos


Zum Kaffee ins Café

Ein herrlicher Tag. Ein geradezu herrlicher Samstagnachmittag und wie geschaffen, um etwas zu unternehmen. Ich habe mich dazu entschlossen ein Café aufzusuchen. Dabei aber nicht unbedingt das Erstbeste in der Nähe meines Wohnortes gewählt. Vielmehr habe ich mich dazu entschlossen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die halbe Stadt zu fahren. Schließlich möchte man nicht immer dieselben Gesichter sehen.

Wobei mir das Gesichtsproblem hinreichend bekannt ist. Es geht meistens schon beim Aufstehen los. Man ist noch nicht ganz wach, aber sobald man im Badezimmer den Spiegel erblickt ist man schlagartig wach. Daher folge ich dem Rat meiner Kollegen und wage mich hinaus. Überhaupt haben mir die Kollegen öfter bereits mal die Frage gestellt wo ich mich denn so rumtreibe und was ich an meiner Ecke der Stadt so unbedingt finden würde. Also schön, überredet, heute mal was ganz Anderes. Und so sitze ich nun in einer ganz anderen Ecke und erfreue mich der gänzlich anderen Perspektive.

Ich überlegte während meiner Fahrt angestrengt, welche Köstlichkeit ich wohl am besten zu mir nehmen werde. Letztendlich entscheide ich mich dafür, auf jeden Fall einen Kaffee zu trinken. Schließlich geht man in ein Café, um Kaffee zu trinken. Irgendwann beobachte ich mehr zufällig als bestimmt ein kleines Café aus dem Bus heraus. Ich beschließe spontan, an der nächsten Haltestelle auszusteigen und auf dieses Café zuzusteuern. Gesagt – getan. Beschwingt lege ich die letzten Meter zurück und fasse bereits einen kleinen Tisch irgendwo in der Mitte ins Auge. Kaum sitze ich am Tisch und habe mich zunächst mit den diversen bereits auf dem Tisch platzierten Utensilien vertraut gemacht, als auch schon eine Bedienung neben mir auftaucht. „Haben Sie sich bereits entschieden?“, fragt sie mit einem freundlichen Ton, der dennoch eine gewisse Hektik ausstrahlt. Ich hatte nur eher zufällig wahrgenommen, dass überhaupt schon jemand mit mir sprach und mein Gehirn versucht zuerst, aus dem Gesagten irgendetwas mit „geschieden“ zu verstehen. Ganz knapp ertapp e ich mich kurz vor der Antwort „Ich bin noch nicht mal verheiratet!“ – kann mich dann aber noch knapp zurückhalten. „Öh ja… ich hätte bitte gern einen Kaffee“, versuche ich es quasi im zweiten Anlauf. Meiner Erwartungshaltung nach müsste die freundliche Dame nun irgendwas auf ihrem Block notieren und sich dann dezent zurückziehen, um das Gewünschte zu besorgen. Einen Kaffee. Schlicht und einfach und – so hoffe ich – nicht dazu geeignet, daraus ein halbes Weltdrama zu zaubern.

Stattdessen jedoch bewegt sie sich keinen Millimeter. Vielmehr höre ich auf einmal eine weitere Frage: „Mit oder ohne Koffein?“. Ich bin irritiert. Gut, es war jetzt nicht die Jahreszeit erhöhter Sonneneinstrahlung, schon gar nicht bei meinem Büroalltag. Daher könnte ich mir vorstellen, dass ich eventuell etwas blass aussehe – deswegen aber gleich darauf zu schließen, ich könne keine ganze Portion Koffein vertragen… Etwas vorsichtig antwortete ich: „Ääääh… mit natürlich“. Auch dies wird notiert. Ich hoffe, es wird keine nachmittagsfüllende Lebensaufgabe, die Kaffeebestellung aufzunehmen. Ich habe in der Richtung ansatzweise etwas von offensichtlich gut frequentierten Schnellkaffeehäusern gehört. Da gehen die Fragen dann erst mal schon los bei der Größe des Kaffees. Gut, wenn man es genau bedenkt, gab es diese Frage hier nicht. Vielleicht habe ich ja noch Glück. Ich versuche mich jedenfalls durch ungeschickt geschicktes „Konzentrieren“ auf andere Nebensächlichkeiten auf dem Tisch zu signalisieren, dass aus meiner Sicht jetzt alles gesagt wäre. Offensichtlich bin ich allerdings wirklich zu ungeschickt – oder die Frau einfach zu penetrant. Vielleicht folgt sie auch einem Schema F oder falls es kein F mehr geben sollte einem Schema G… Jedenfalls muss ich zwangsweise auch noch die Fragen nach Zucker und Milch beantworten. Ich gehöre der Fraktion an, die – wenn schon Kaffee – beides hineinschüttet. Nicht das ich der große Kaffeetrinker wäre und damit besonders bewandert auf diesem Gebiet. Vielmehr ist es so, dass Zucker für einen Süßschnabel wie mich gar nicht zur Debatte steht.

Milch hingegen nutze ich für den Kaffee nicht aus geschmacklichen Gründen. Nie im Leben käme ich auf die Idee, gute köstliche Milch mit so etwas wie Kaffee zu vermischen. Milch füge ich dem Kaffee nur zu, damit dieser trinkbar wird. Also schneller trinkbar. Man könnte ihn natürlich auch einfach einige Minuten zum Abkühlen stehen lassen. Es scheint aber, wie ich bei zahlreichen Mitmenschen beobachtet habe, in Mode zu sein, ziemlich direkt nach dem Einschenken einen Schluck des Getränks zu nehmen um dann anschließend den Mund zu verziehen als hätte man etwas Fürchterliches gekostet – oder sich gerade wahnsinnig die Schnute verbrannt. Aus diesem Grund kommt bei mir aus rein taktischer Überlegung Milch in den Kaffee.

Nachdem nun alle Klarheiten weitestgehend beseitigt scheinen, kommt dann auch recht schnell mein Kaffee. In einem Kännchen. Und dazu gibt es sogar noch eine Tasse zum Trinken. Gut, die Mode direkt aus dem Kännchen zu trinken hat sich in den letzten Jahrzehnten – ach was rede ich – in den letzten Jahrhunderten leider nicht durchgesetzt. Ich schenke also etwas schwarze, heiße Flüssigkeit aus dem Kännchen in die Tasse und füge zunächst Zucker dazu. Anschließend gebe ich noch einen kräftigen Schluck weißer, kalter Flüssigkeit aus einem anderen – kleineren – Kännchen. Fasziniert beobachte ich, wie die weiße Flüssigkeit zunächst abtaucht um dann die schwarze Flüssigkeit quasi von unten nach oben aufzuhellen.

„Du hier… äh Sie hier!?“, höre ich auf einmal eine Stimme vergleichsweise laut erklingen. Kurz überlege ich, ob ich damit gemeint sein könnte. Um dies herauszufinden, müsste ich allerdings meine Aufmerksamkeit für einen minimalen Augenblick von der Tasse lösen. Eigentlich wäre das jetzt nicht so meine Spezialität – andererseits kann ich nicht verleugnen, dass meine weibliche Seite schier vor Neugier platzt. Also hebe ich meinen Kopf doch einen kurzen Moment und sehe plötzlich… eine Kollegin aus meiner ehemaligen Arbeitsstelle vor mir stehen und mich wie ein Honigkuchenpferd breit angrinsen. Schon wieder bin ich irritiert – langsam frage ich mich, warum mich alle Frauen permanent irritieren. Was mich dazu noch vielmehr irritiert: Hat sie mich eben geduzt? Und wieso dann gleich wieder gesiezt!? Ehrlich gesagt habe ich ja gar nichts gegen ein Du – aber doch bitte nicht so Durcheinander. Entweder ein Du oder ein Sie. Oder vielleicht im Zuge der geschlechtsneutralen Kommunikation dann doch lieber gleich ein Dusie? Klingt allerdings auch irgendwie komisch und ein bisschen nach Dussel. Zumal weder du noch Sie etwas mit geschlechtsneutral zu tun haben. Wenigstens aber kein du und er: Du-er klingt wieder so ein bisschen nach Denglisch. Andererseits auch wieder ein bisschen nach dem englischen Doer - also quasi ein Macher. Ja doch, das hätte etwas - ich als Macher.

Ich merke, dass ich schon wieder in Gedanken versunken bin und schaue nochmal konzentriert auf. Das Honigkuchengrinsepferd steht immer noch da. Und langsam fällt mir auch wieder ein, dass es als höflich gelten soll, wenn der Mann der Dame einen Platz anbietet und zumindest gefühlt beim Platzen – äh – Platznehmen, hilft. Eilig versuche ich also, von meinem Platz hochzukommen. Natürlich muss ich ausgerechnet jetzt am Tisch hängen bleiben. Meine Tasse gerät augenblicklich ins Schwanken. In diesem Moment scheinen meine Reflexe nicht unbedingt auf weibliche Hormone getrimmt zu sein. Jedenfalls widme ich mich zunächst automatisch der Tasse.

Nachdem sich diese wieder beruhigt hat – vielleicht hätte ich doch koffeinfreien Kaffee bestellen sollen, dann wäre etwas mehr Ruhe zu erwarten gewesen. Jedenfalls will ich mich nach der Kaffeeberuhigung wieder meiner Kollegin und dem Platzproblem zuwenden. Ich bemerke jedoch, dass sie sich bereits selbst Platz verschafft hat. Augenblicklich komme ich mir wieder vor, wie ein etwas begossener Pudel. Wie habe ich das nur wieder geschafft!? Gut, ich hatte bisher eher wenig herzliche Frauenkontakte – dafür aber auch herzlich wenige. Ich setze mich jedenfalls auch wieder auf meinen Platz und versuche angestrengt nachzudenken, womit ich die Frau jetzt beehren könnte.

Als Erstes kommt mir in den Sinn, als meine Kaffeetasse wieder in mein Blickfeld gelangt, dass ich sie ja zum Kaffee einladen könnte. Gesagt – getan. „Ich lade dich zum Kaffee ein.“, sprudelt es aus mir heraus. Sie schaut zurück und erklärt, dass sie sich gar nicht einladen lassen möchte. Wieder überlege ich, ob dies nicht etwa ein Trick von ihr sein könnte, um meine ehrbaren Absichten zu testen. Ich mache also einen zweiten Anlauf: „Selbstverständlich mach ich das gerne!“

Jetzt schaut sie mich sehr irritiert an. Einen Moment überlege ich, ob ich grinsen soll. Schließlich bin jetzt mal nicht ich der Verwirrte. Dann aber überlege ich: War ich jetzt doch zu direkt? Oder doch noch nicht direkt genug? Die umfassende Sammlung meiner bisher nicht existenten Frauenerfahrungen hält zu diesem Stichwort leider keinen passenden Eintrag bereit. Ich hoffe, ihre Sammlung an Männererfahrungen hilft wenigstens ihr weiter, aus dieser Situation wieder herauszukommen. Also schaue ich erst mal sehr geschickt ungeschickt an ihr vorbei und hoffe somit, das Thema erledigt zu haben.

Fast im selben Moment kommt ihr bestelltes Heißgetränk. Sie widmet sich dem Umrühren und beginnt währenddessen, wieder loszureden. Ich selbst hingegen bin noch so in meinen Gedanken vertieft und überdies äußerst konzentriert, weiter geschickt ungeschickt an ihr vorbei zu sehen. Daher bekomme ich zunächst nicht mit, ob sie überhaupt schon was sagt, und gleich darauf weigern sich meine Ohren, zu begreifen, was genau sie sagt. Irgendwie kommt es mir vor, als wäre mein Gehör komplett mit Watte ausgestopft. In jedem Fall scheint es sie aber nicht weiter zu stören oder zumindest ist ihr aktuell noch nicht aufgefallen, dass ich ihr überhaupt nicht zuhöre. Mein Blick wandert dafür auch nicht mehr geschickt ungeschickt an ihr vorbei. Vielmehr übernimmt wohl irgendein sehr alter Teil meines Gehirns die Kontrolle über die Sehorgane und steuert den Blick ausgerechnet auf Höhe und Position ihres – zugegebenermaßen nicht unattraktiven – Dekolletés.

Dann plötzlich weigert sich zumindest mein – zumindest rückblickend betrachtet ziemlich loses Mundwerk – nicht mehr, an der Konversation teilzunehmen. Sonst scheint es mir unmöglich zu erklären, warum ich plötzlich ein einzelnes Wort in die Welt entlasse: „Möpse“. Meine stille Hoffnung, es so unwahrscheinlich leise ausgesprochen – oder vielleicht auch nur gedacht zu haben – dass es niemand weiter mitbekommen hat, zerschellt quasi noch im selben Augenblick! Ausgerechnet jetzt sind meine Hörorgane auch wieder von dieser lästigen Watte befreit und ich vernehme ein deutliches, gar nicht mal lautes und dafür aber sehr scharfes „Wie bitte!?“ aus der Richtung der anderen Tischseite. Panisch suche ich in meinem nicht vorhandenem Stichwortregister nach einem passenden Eintrag. Nein, auch für diese Situation findet sich leider kein nichts Geeignetes. Ich überlege weiter, tue zunächst so, als hätte ich es nicht gehört. Meine Blicke schweifen hektisch durch den Raum. Irgendwas muss mir doch einfallen. Ich entschließe mich erst einmal zu einem sehr diplomatischem „hmm?“ – andeutungsweise zwischen „Entschuldigung, hatten Sie gerade etwas gesagt?“ und „Ich habe keine genaue Ahnung“. Wobei, würde man mich direkt fragen, so würde ich definitiv eher zu „keine Ahnung“ tendieren. Dies würde für mich aber auch für fast jede andere Situation im Zusammenhang mit Frauen perfekt passen.

Plötzlich fällt mein Blick auf zwei kleine Hunde. Ich bin bei weitem kein Hundeexperte, aber das muss man auch nicht sein, um hier zweifelsfrei zu erkennen: Die beiden Hunde sind definitiv keine Möpse. Der eine Hund sieht mir vielleicht nach Dackel oder so etwas in der Richtung aus. Der andere könnte wahlweise als Rehpinscher oder eine etwas missglückte Kreuzung zwischen Dackel und gewöhnlichen Hamster durchgehen. Wie dem auch immer sei, es gibt jetzt eigentlich kein Zurück mehr. Ich weiß, wenn ich jetzt sage, ich hätte definitiv nicht von Möpsen gesprochen, wird sie mir eine Szene machen und mir als erstes erklären, sie wisse ziemlich gut, was sie gehört hätte. Gefolgt davon käme dann die Ansage, dass ihr Gehör auch ansonsten noch ziemlich gut funktionieren würde, sie auch nicht an Wahnvorstellungen leide und wenn sie erst mal dort wäre, würde es garantiert darum gehen, wie ich denn behaupten könne, sie wäre schon viel älter als ALT.

Um mir also sämtliche dieser Argumente, noch dazu öffentlich vorgetragen in diesem Café, in welches ich eigentlich nur zur sonntagnachmittäglichen Erholung einkehren wollte, zu ersparen, versuche ich es mit der weitaus ungeschicktesten Erklärung, die sich hier finden lässt. Ich erkläre also Folgendes: „Tja also ich wollte mir immer schon mal einen Hund anschaffen, bin jedoch der Meinung, so ein Tier sollte nicht allein gehalten werden. Also denke ich, sollte ich mir, wenn dann gleich zwei Hunde anschaffen. Ich habe mich dann jedoch gefragt, welche zwei Hunde für mich, meine Wohnung, meine Lebensumstände und meinen Arbeitsalltag am besten geeignet wären. Ich denke darüber schon eine ganze Weile nach…“

An dieser Stelle lege ich eine kurze Kunstpause ein und schaue zunächst aus den Augenwinkeln und dann auch noch ganz direkt zu ihr hinüber. Sie scheint mir aktuell ziemlich still. Eigentlich sogar zu still. Aus meinem Freundeskreis und verschiedenen, nicht näher definierten „Internetquellen“ weiß ich ziemlich genau, man sollte als Mann anfangen zu laufen, wenn Frauen sich ZU still verhalten. Aber auch das ist natürlich hier keine Option. Schon gar nicht, wo der Kaffee noch nicht ausgetrunken – geschweige denn bezahlt ist. Und ich stehe immerhin noch zu meinem Wort, sie zum Kaffee einladen zu wollen. Denke ich zumindest. Auch hier kommen mir erste Zweifel, ob dies eine so hervorragende Idee gewesen ist.

„…und wie ich jetzt gerade dort drüben diese beiden Hunde sehe, ist mir spontan der Gedanke gekommen, Möpse könnten passend sein!“ Puh also das war ganz schön schwierig. Ehrlich gesagt weiß ich auch bis jetzt noch nicht, ob sie mir diese Erklärung abkauft. Zumal ich schon wieder bemerke, wie ein bestimmter Teil meines älteren Gehirns den Blick schon wieder in eine gewisse Richtung lenkt. Ich glaube, dies müsste ihr auch auffallen! Was mich momentan aber noch eher beunruhigt, ist diese unglaubliche Stille aus ihrer Richtung. Vielleicht hat es aber auch etwas Gutes – sie so still und ich – zumindest innerlich – sehr aufgeregt. Gegensätze ziehen sich an! Also vielleicht doch die perfekte Frau für mich. Egal ob trotz oder gerade wegen der Hunde – also Möpse – also ich meine wegen ihres Aussehens und egal, ob ich mir nun zwei Hunde oder einen oder gar keinen zulege. Vielleicht ist sie ja auch allergisch gegen Hundehaare und deswegen so still, weil sie gerade nicht damit gerechnet hatte, auf einen durchaus attraktiven Herren zu stoßen, der aber mit dem für sie schlimmsten Viehzeug überhaupt sympathisiert. Vielleicht sollte ich zurückrudern. Ich beabsichtige ja eigentlich gar nicht, mir Hunde anzuschaffen. Ich mag Gassigehen im Winter so gar nicht. Oder wenn es nass ist. Und wenn die Sonne vom Himmel knallt auch nicht wirklich.

Ich überlege angestrengt, wie ich aus der Nummer wieder raus komme. In diesem Moment steht sie auf und nimmt ihre Jacke. Ich erwache aus meinen Gedankengängen und bemerke, wie sie sich über den Tisch beugt. Sofort frage ich mich, was sie nun wieder vorhat. Will sie mich küssen? Das erscheint mir dann aber doch ein wenig verfrüht – immerhin kenne ich sie ja so gar noch nicht weiter. Unwillkürlich beuge ich mich etwas weiter nach hinten, um sicherheitshalber zumindest einen kleinen Abstand zwischen uns zu wahren. Ohne mein Zutun drängt sich mir ein Bild auf. Vor ihr Gesicht schiebt sich das Bild eines Mopses. Ich versuche angestrengt, den Gedanken zu vertreiben. Und ich hoffe inständig, mein loses Mundwerk würde nicht wieder sehr plötzlich auf die Idee kommen, ausgerechnet jetzt etwas über Möpse sagen zu wollen! Das wäre - auch im Hinblick auf die Frage, wie ich aus der Nummer wieder herauskomme - absolut unpassend. Ich habe das Gefühl, ich würde unter der Dusche stehen. Sie jedoch verfolgt meinen sich windenden Körper, bemerkt wohl, wie ich vor ihr weiche und als nichts mehr geht, schaut sie mir tief in die Augen. Ich denke nur noch „Oh mein Gott!“, schließe die Augen und mache mich auf alles gefasst, was da gleich kommen mag. Ich überlege kurz, ob ich blinzeln sollte. Es heißt ja immer „seinen Mann stehen“. Andererseits - ich sitze ja gerade. Also so oder so brauche ich gerade gar nicht stehen. Was im übrigen meinen Knien zufolge aktuell auch keine gute Idee wäre. Ich habe ohnehin auch das Gefühl, sie wäre mir so nahe, dass ich schon ihren Atem spüren könnte. Offenbar steuert sie auf mein Ohr zu. Als sie dort angelangt ist mache ich mich darauf gefasst, das sie mich gleich mit einem sehr... leisem... „Buh“ zu Tode erschrecken will und sich dann diebisch freuen wird. Stattdessen höre ich ein fast schon Geflüstertes: „Danke für die Einladung zum Kaffee!“ Ich traue mich tatsächlich, meine Augen wieder zu öffnen und auch doch mal wieder für frischen Sauerstoff in meinen Lungen zu sorgen.

Sie steht noch immer da, greift nach ihrer Kaffeetasse, setzt an und leert sie in einem Zug, als wäre es ein Schnaps oder so etwas in der Richtung. Dann macht sie auf dem Absatz kehrt und rauscht davon. Ich schaue auf meine noch nicht ganz leere Kaffeetasse. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, es ist inzwischen kalter Kaffee. So oder so. Vielleicht sollte ich den Rest der weißen Flüssigkeit dazu schütten!? Andererseits: Es ist nur noch ein kleiner Schluck. Da wäre es wiederum schade um die schöne weiße Flüssigkeit. Wenn ich es recht bedenke, hat mich der Kaffee mal wieder sehr aufgeregt. Ich wusste, soviel Koffein liegt mir einfach nicht. Ich weiß auch nach wie vor noch nicht genau, was andere Leute an diesem schwarzen Zeug finden.
Wenn ich aber daran denke, wie sehr sie darauf bedacht war, die Kaffeetasse zu leeren, wette ich jedoch, sie war von Anfang an nur auf einen Kaffee scharf.
© 2019 Dennis Giese